Die Welte-Mignon-Orgel

Die Welte-Mignon-Orgel

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte die Firma M. Welte & Söhne ein Verfahren, um den Charakter eines Piano- oder Orgelspiels zu konservieren und wiederzugeben. Diese Möglichkeit an sich war bereits seit Langem bekannt. Die Besonderheit des Wiedergabemechanismus‘ „Welte-Mignon“ war, dass die Art, wie der jeweilige Musiker die Tasten und Pedale bediente, auf die sogenannten Rollen – circa 30 Zentimeter breite Papierstreifen – mithilfe von Löchern übertragen wurde. Diese Streifen konnten ohne Weiteres reproduziert und somit der Musikvortrag eines Künstlers auf jedes Welte-Mignon-Abspielgerät übertragen werden.

Geräte, welche die Notenrollen aufnahmen, Vorsetzer genannt, wurden an ein Klavier gestellt. M. Welte & Söhne baute jedoch die Wiedergabemechanismen auch in Klaviere und Flügel verschiedener Hersteller ein, beispielsweise Ibach, Bechstein oder Steinway. Das System für Orgeln nannte sich „Welte-Philharmonie-Orgel“. Sie wurde ab 1912 gebaut. Die Orgeln wurden beispielsweise in Hotels, meist in speziell für das Instrument geschaffenen Räumen, eingebaut. Auch auf dem Schwesternschiff der Titanic, der Britannic, sollte eine Welte-Philharmonie-Orgel eingebaut werden. Da die Britannic 1916 sank, bevor sie als Passagierschiff eingesetzt werden konnte, war die Orgel noch nicht eingebaut. Sie ist heute in der Schweiz im Museum für Musikautomaten in Seewen zu besichtigen.

Die verwendete Aufnahmeart entspricht dem binären Code, wobei ein Loch eine 1, das unbeschädigte Papier eine 0 ist.

Viele Komponisten, wie Claude Debussy, Max Reger, Edvard Grieg, Richard Strauss oder George Gershwin, und Musiker, beispielsweise Vladimir Horwitz, Artur Schnabel oder Walter Gieseking, nutzten die Möglichkeit, Musik so zu konservieren, wie sie sie selbst interpretierten.

1926 wurden für die Donaueschinger Musiktage von Paul Hindemith, Ernst Toch und Gerhart Münch Stücke komponiert, die nicht von Hand, sondern nur auf einem Welte-Mignon-Klavier spielbar waren. Diese Spielweise eröffnete den Komponisten neue Wege für ihre Musikstücke.

In einem Konzert am 16. Juli 1927 wurden weitere Stücke von George Antheil, Nikolai Lopatnikoff, Hans Haass sowie wieder von Ernst Toch und Paul Hindemith vorgestellt, die ausschließlich für mechanische Instrumente komponiert waren.

Insgesamt wurden 5.500 Musiktitel für Welte-Mignon eingespielt.

1985 und 1986 begann man damit, die Musikstücke auf CDs zu übertragen. Erstmalig konnte man Komponisten und Musiker, die gerade mal die Zeit der Schellackplatten erlebt hatten, in erstklassiger Qualität auf einem modernen Musikwiedergabegerät hören.

Welche Eigenschaft der Aufnahme- und Abspielgeräte dazu führte, dass das individuelle Spiel auf den Notenrollen gespeichert und abgerufen werden konnte, ist völlig unbekannt. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Aufnahmegeräte und Pläne für das System unwiederbringlich zerstört. Die Erfinder des Verfahrens, Karl Bockisch (1874 – 1952) und Edwin Welte (1876 – 1958), gaben das Geheimnis nicht weiter.